Intercontinental-Travel-Fountain-Refreshment-Center (Piece #2 for Draft for an Occiriental Lounge)

2015,
Styropor, Flexfliesenkleber, Sand, Pigmente, Sprühlack, japanischer Ahorn Acer palmatum "Jerre Schwartz", Erde,
Wasser, Ultraschallnebler, Umwälzpumpe, PVC, Epoxidharz, Silikon, LED,
Maße ca. 75 x 70 x 225 cm
Installationsansichten ENTER the real World, Kleine Humboldt Galerie, Berlin

Refresh

Bei Michel Aniols Intercontinental-Travel-Fountain-Refreshment-Center handelt es sich um einen etwa 2 m hohen, Wasser fördernden Brunnen von mattem, violett-braunem Äußeren, an dessen Spitze eine kleine natürliche Pflanze sitzt. Die Oberfläche der Skulptur ist aufgeraut, ungleichmäßig, voller Einkerbungen und Ausbuchtungen. Ihre Materialität lässt sich visuell schwer erfassen. Es ist nicht zu erkennen, ob es sich um gegossenes, besprühtes Plastik oder bearbeiteten Stein handelt. In der Aufsicht ist Fountain fast quadratisch. Auf der unteren, etwa zwei Drittel einnehmenden, rechteckigen Spiralform, liegt ein schmalerer, felsartiger Block auf. Austretend aus einer kleinen Höhle in diesem oberen Fels fließt kontinuierlich Wasser. Durch die Becken der Spirale läuft es hinab und wird durch das Innere der Skulptur wieder hinaufbefördert. Über dem Wasserlauf strömt feiner Nebel, aus der Höhle tritt ein gedämpftes, farbiges Licht. Auf den ersten Blick erweckt Fountain den Eindruck, er stamme aus dem Gartencenter eines Baumarktes und sei ein industriell gefertigtes Produkt. Doch verbinden sich in dieser installativen, raumbezogenen Arbeit in einer einzigartigen Weise Skulptur und Malerei, technisches Handwerk und Natur. In einem aufwändigen Prozess wurde der Grundbaustein des Fountain aus Styropor geschnitten und mit einer Mischung aus Fliesenkleber und Sand so lange in Form gebracht, bis die nun vorliegende, raue, steinartige Oberfläche in Erscheinung tritt. Das steinerne Aussehen der entstandenen Skulptur wird überdies verstärkt durch den Einsatz von Pigmenten, die in einem malerischen Prozess aufgetragen und mit Sprühlack fixiert wurden. Fountain ist mit einem komplexen, im Inneren verborgenen Pumpsystem ausgestattet – von Aniol entwickelt und sorgsam mit Epoxidharz und Silikon abgedicht. Der Wasserkreislauf ist fragil, anfällig für Störungen und muss auf die Verhältnisse des Raumes abgestimmt werden. Das Wasser verdunstet, verstärkt durch die Nebel erzeugende Maschine, und muss stets in Bewegung und im Gleichgewicht bleiben. Auch der kleine japanische Ahorn an der Spitze des Brunnens bedarf der sorgsamen Pflege und ausgewogener Lichtverhältnisse. Im fensterlosen White Cube würde die acer palmatum Jerre Schwartz – die auf den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten mit einer Marihuana-Pflanze hat – nicht überleben. Aniols Intercontinental-Travel-Fountain-Refreshment-Center ist Teil eines größeren Projektes, an dem der Künstler seit einiger Zeit arbeitet und das in den kommenden Jahren umgesetzt werden soll. Sie ist das zweite Objekt für den Entwurf einer Occiriental Lounge. Diese Lounge soll an Transitorten, an Flughäfen oder Fernbahnhöfen, installiert werden, um dort An-, Ab- und Durchreisende verschiedenster Kulturen in Empfang zu nehmen und für eine kurze Zeitspanne zu beherbergen. Westliche und östliche Kultur, okzidentale und orientalische Einflüsse fusionieren innerhalb der Lounge in mehreren Objekten. Sie umfasst Mobiliar wie Sitzmöglichkeiten und Teppiche, beinhaltet aber auch eine Bibliothek sowie Skulpturen, Aquarien und Vitrinen. Hinzu kommen Bilder und Bildschirme, mittels derer ein Zusammenführen der Kulturen thematisiert wird. Obgleich die Objekte dieser Occiriental Lounge Kunstwerke sind, sollen sie durch ihre Installation im halböffentlichen Raum der Transitorte dem sonst üblichen Ausstellungskontext enthoben werden und in einen außergewöhnlichen Funktionszusammenhang eingehen. Sie sind dann gleichermaßen Gegenstände des Gebrauchs, Objekte der Kunst sowie Mittel einer interkulturellen Verständigung. Im Rahmen von ENTER the real world nimmt der Ausstellungsgegenstand des Intercontinental-Travel-Fountain-Refreshment-Center verschiedene Rollen ein. Zum einen ist Fountain eine für sich selbst stehende, ortsspezifische künstlerische Arbeit. Zum anderen nimmt es in seiner Funktion als Gebrauchsgegenstand Bezug auf das kuratorische Konzept der Ausstellung. Fountain erscheint zum Eröffnungstag als eine ironische Bemerkung zum Event der Vernissage – munter plätschert das Wasser vor sich hin, kaum hörbar im Stimmengewirr; feiner Nebel strömt unbeirrt aus. Aus der kleinen Höhle blinkt abwechselnd rotes, blaues Licht, das die Gesichter der Vorübergehenden erhellt.

Text: Rahel Schrohe (aus ENTER the Real World, Katalog zur Ausstellung, Herausgeber Kleine Humboldt Galerie, Berlin)

Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
Michel Aniol Skulptur Occiriental Lounge Kleine Humboldt Galerie Berlin Kunst
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